Kleines Lexikon der Fachbegriffe (4)

xxx Grad als Angabe für Verschlusszeiten.

Der Filmemacher als Profi unterscheidet sich ja gerne vom profanen Amateurfilmer durch die Verwendung kryptischer Formeln, die nur ihm und dem Kreis der Eingeweihten (anderen Profis) bekannt sind. Ein perfektes Beispiel dafür ist die Angabe der Verschlusszeit in Winkeln: Also zum Beispiel 180 Grad für den häufigsten Verschlusswinkel oder etwa 90 Grad für den berühmten Shuttereffekt aus den Kriegsszenen in “Saving Private Ryan” von Steven Spielberg. Woher kommen diese Winkelangaben und was bedeuten sie?

Anfang der Dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts entwickelte die Münchener Filmkameraschmiede Arnold & Richter oder kurz ARRI eine der ersten Spiegelreflex- Filmkameras der Welt. Die Arriflex für das 35 mm Filmformat war klein, leicht und hatte eine Umlaufblende mit einem Spiegelsystem. Das heißt der Verschluss der Arriflex rotierte, wobei eine Umdrehung 360 Grad entspricht. Der Verschluss war so konzipiert, dass eine halbe Umdrehung lang (also 180 Grad) der Film belichtet wurde und die nächste halbe Umdrehung das Bild über das Spiegelsystem in den Sucher geworfen wurde. Bei einem Verschlusswinkel von 180 Grad ergibt sich also bei 24 Bildern pro Sekunde eine Verschlusszeit von 1/48 Sekunde, bei 25 fps 1/50s usw. Ein 90 Grad Shutter bedeutet also eine halbierte Verschlusszeit von 1/96, was wie im Spielbergfilm irgendwie überscharf und leicht stressig auf unsere Augen wirkt. Wir haben uns nämlich in über hundert Jahren an den 180 Grad- Shutter gewöhnt und bemerken, wenn das Bild von unseren Sehgewohnheiten abweicht. Bei klassischen Filmkameras mit Umlaufblende sind in der Regel keine Verschlusswinkel über 180 Grad möglich, bei digitalen Filmkameras und Videokameras aber sehr wohl. Hier sind bis 360 Grad, also eine durchlaufende Belichtung (bei 25 fps eine Belichtungszeit von 1/25s) möglich. Allerdings ist die zusätzliche Blende Lichtgewinn mit starker Bewegungsunschärfe teuer erkauft. So wie wir die kürzere Belichtungszeit, als “falsch” empfinden, ist auch die längere ein ungewohnter Anblick für unsere Sehnerven, stört also irgendwie. Natürlich kann man diesen Effekt auch wunderbar als Stilmittel einsetzen (wie zum Beispiel Spielberg mit dem kurzen Shutter oder David Lynch, der oft lange Verschlusszeiten, bei reduzierter Bildrate, einsetzte, um “trippige” Bilder zu schaffen). Fortsetzung folgt…

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