Cinemascope ist das neue 16:9

EntwurfBokehhabe ich schon vor fast zehn Jahren gesagt, als HD Flachbildfernseher eine Neuigkeit waren und selbst eine großartig innovative Kamera, wie die Panasonic DVX 100, welche die Welt des digitalen Filmemachens auf den Kopf stellte, mit ihren frei einstellbaren Parametern und echtem 25p (Progressive Aufzeichnung der drei CCD Sensoren) und einem allgemein schönem Bild, als ich im Jahre 2004 ein Musikvideo in eben jenem, besonders breiten, Bildformat (1:2,35) filmen wollte.

Mein Kameramann war etwas skeptisch, konnte doch die DVX nur 4:3 und 16:9 nur gekascht (also mit Auflösungsverlust). Also einigten wir uns auf die Verwendung eines Anamorphoten von Panasonic, der zwar durchzoombar war, aber im teligen Bereich unschöne chromatische Aberrationen verursachte. Egal. Wir hatten “echtes” 16:9 und konnten so ohne schlechtes Gewissen auf “Scope”, also 1:2,35 bzw. 1:2,4 abkaschen ohne zu viel Informationen im Bild zu verlieren.  Ich bereue diese Entscheidung bis heute kein bisschen, obwohl die ganze Aufregung im HD- Zeitalter etwas seltsam erscheinen mag. Die Bilder (die mein DOP schon damals in einem flachen “Log” Profil aufzeichnete) waren super und trotz optischer Linse vor der eigentlichen Optik großartig, solange man nicht über eine gewisse Brennweite ging. Aber die Auflösung lag damals auch nur bei ca. 400000 Pixels. Heute ist das kein Problem mehr (in Zeiten von HD und 4K)

Warum diese lange Geschichtsstunde? Ein paar Jahre später traf ich mich mit eben jenem Kameramann auf ein Bier (Es war so etwa 2006) und wir machten uns über die “Filmlook-Obsession” digitaler Filmemacher lustig. Er kam gerade von der CameraImage in Lodz und berichtete mir von neuen anamorphotischen 35mm Optiken, die angeblich nicht mehr die üblichen Fehler aufwiesen (Pumpen, Flares, schlechte Naheinstellgrenze, verzerrtes Bokeh), aber in der Praxis nicht überzeugen konnten (selbst der engagierte Kameramann des Herstellers konnte über manche Aussagen nur grinsen und bewies an der per HD-SDI live angeschlossenen ARRI D20 das Gegenteil). Ich sagte damals (scherzhaft): Wart ab! In ein paar Jahren gelten diese Fehler als “Filmlook”. Was haben wir gelacht.

Heute: Es gibt eine wachsende Community von Filmemachern, die anamorphotische Optiken oder Vorstzlinsen vor ihre DSLRs schrauben. Ja selbst optische Filter, die ein verzerrtes Bokeh erzeugen werden zu zweifelhaften Preisen auf eBay verkauft (den gleichen Effekt kann man auch mit einem Stück schwarzer Pappe erzielen). Auch die besonderen Flares der alten Scope- Linsen werden hervorgehoben und geliebt (J.J. Abrams ließ spezielle Scope- Flare- Filter für seinen sphärisch gedrehten Filme “Star Trek” anfertigen). Der Witz ist also in der Realität angekommen.

Ich persönlich liebe den Cinemascopelook und selbst die Flares sind toll, aber ich finde es ist viel einfacher diese in der Postproduktion einzusetzen, als sich mit Material herumzuschlagen, das von Anfang an Artefakte hat (Für “Star Trek” von Abrams mussten viele der Flares für VFX erst per Rotoskopie entfernt und dann wieder digital hinzugefügt werden.) dazu kommen die Verzeichnungen der optischen Scopelinsen und eben das berüchtigte Pumpen und die reduzierte Naheinstellgrenze (aber auch all das wird jetzt als Filmlook verkauft und Firmen von Zeiss bis SLR Magic kündigen anamorphotische Optiken für Cinemascope- Look an.) Sergio Leone drehte seine großartigen Western in den Sechzigern im sogenannten “Techniscope” Verfahren, welches einfach statt dem üblichen Negativ (das sich anamorph um den Faktor 2 gestreckt über vier Perforationslöcher des 35mm Film Materials erstreckt), auf 2- Perf (also die Hälfte der Perforation mit verkleinertem Bildfenster) und sphärischen Linsen drehte. Der Vorteil: Man brauchte nur die Hälfte des Filmmaterials und die berühmten Ultra- Close Ups von Henry Fondas blauen Augen wurden durch die bessere Naheinstellgrenze erst möglich. Auch profitierte der “Look” von Leones Filmen von der größeren Tiefenschärfe (erstens schlucken die Anamorphoten Licht und zweitens wird die belichtete Fläche (virtuell) nochmals größer, eine 50mm an Scope wirkt also fast wie an Kleinbild als Normalbrennweite, wohingegen Techniscope näher an Super 16 liegt) Natürlich wollen wir heute den Look von Super 35 mm (und sogar Kleinbild) und die geringe Tiefenschärfe, aber auch das ist mit Techniscope- ähnlichen Verfahren zum Beispiel an einer BMCC ja sphärisch alles möglich (mit entsprechend lichtstarken Optiken und notfalls ND- Filtern). Insofern verstehe ich die Begeisterung für die neuen Scope- Optiken nicht so ganz. Selbst in den Neunzigern wurden Filme, wie “Fight Club” in sphärischem 3- Perf 35 mm gedreht und erst in der Post auf das Scopeformat gekascht. Der gleiche Regisseur (David Fincher) dreht zehn Jahre später sein “The Girl With The Dragon Tattoo” Remake mit anamorphotischen Optiken und erzählt im Audiokommentar amüsiert, dass in einigen Szenen Lichtquellen mit schwarzem Edding übermalt werden mussten, um das fiese Flaring zu verhindern, wobei natürlich jene schwarze Flecke in der Post nicht nur entfernt werden mussten (von Digital Domain, die inzwischen insolvent sind, dank der Krise in der Postproduktionsbranche), sondern wieder durch neue digitale Flares ersetzt werden mussten. Das alles in einem Film der 90 Millionen Dollar gekostet hat und einer Szene, die auf available Light basiert und auf niedrigem Lichtniveau mit der RED Epic gedreht wurde. Na herzlichen Glückwunsch! (Der europäische in sphärischem 3- Perf 35 mm Cinemascope gedrehte Film hat “nur” ca. 18 Mio Euro gekostet)

Und die Pointe? Der mittelmäßig durchzoombare Filter von Panasonic für die DVX 100 kostet heute auf eBay mehr als damals zum Neupreis. Filmlook:) Fortsetzung folgt…

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