Kleines Lexikon der Fachbegriffe (1)

Anamorphotisches Verfahren.

Wenn man in der Sixtinischen Kapelle in Rom nach oben schaut, sieht die großartigen Fresken von Michelangelo. Und man sieht sie unverzerrt, so, wie man das erwarten würde, wie man jene Szenen aus der Bibel sehen würde, wenn sie sich vor unseren Augen abspielten. Aber: So sind sie nicht gemalt. Da die Decke der Kapelle gewölbt ist, mussten die Maler, die Michelangelos Entwurf auf den feuchten Putz aufgetragen haben, ein anamorphotisches Verfahren anwenden. Das heißt die Bilder sind in dem Maße verzerrt, wie der Betrachter aus seiner Perspektive sie wieder entzerrt (also quasi korrigiert) betrachtet. Im Film benutzt man eine anamorphotische Technik vor allem, um ein besonders breites Bild auf das Negativ zu belichten. Als Anfang der Fünfziger Jahre das Fernsehen in den amerikanischen Haushalten einzog entwickelte man in der Filmbranche neue technische Verfahren, die dem kleinen Fernsehbild Zuhause überlegen sein sollten. Dazu gehörte neben der Farbe und dem stereoskopischen 3D Verfahren per Brille auch das Cinemascope- Format, das 1952 erstmals kommerziell (unter jenem Trademark) eingeführt wurde, aber als optisches Verfahren schon länger bekannt war.

Im Cinemascope- Verfahren sind die Bilder gegenüber dem bis dahin (und damals auch im  Fernsehen bis in die frühen 2000er) üblichen 4:3 Format doppelt so breit. das heißt das Gesichtsfeld des Betrachters wird vollständig ausgefüllt. Marketingtechnisch ist der Betrachter also vollkommen “im Film” und nicht nur Betrachter. Der Zuschauer wird quasi in die Erzählung hineingesogen (was seinerzeit auch oft absichtlich irreführend mit 3D ohne Brille gleichgesetzt wurde). Es gab seinerzeit im Grunde (technisch ist das Ganze noch komplizierter) zwei Verfahren, um dieses breite Bild beim Dreh zu erzeugen. Die teure Variante war auf Überformatfilm (z.B. 65 mm Film) zu drehen, was ein spezielles Filmmaterial und teure, große Kameras mit hohem Materialverbrauch erforderte, welches dann im Tonfilmverfahren als 70 mm Film projiziert wurde. Auch die Projektionstechnik für das Überformat 70 mm Film war entsprechend teuer und nur große Kinos in Städten und Ballungszentren konnten sich diese Technik leisten. In normalen Kinos wurden Monumentalfilme, wie “Ben Hur” oder auch Hitchcocks “Vertigo” als konventionelle 35 mm Kopie im anamorphotischen “Scope”-Verfahren gezeigt. Das bedeutete, das das größere 65 mm (1:2,2) Bild per optischer Linse auf das kleinere 35 mm Bild gestaucht wurde (1:1,34), um bei diesem Verfahren nicht zu viele Bildinformationen (durch Kasch) zu verlieren benutzte man beim Kopieren anamorphotische Optiken, die das Bild horizontal um den Faktor 2 stauchten. Dadurch bekam man ein Bildseitenverhältnis von 1: 2,35 (Das heißt das Bild des 65 mm Verfahrens musste oben und unten nur noch leicht gekascht werden, um die Leinwand ganz auszufüllen). Die Kinos in kleineren Städten brauchten dann keine teuren 70mm Projektoren mehr, sondern mussten nur noch einen umkehrenden Anamorphoten vor ihre vorhandene 35 mm Projektion schrauben (also eine Linse, die das Bild wieder um den gleichen Faktor entzerrt, damit es wieder sphärisch dargestellt wird.)

Etwa zeitgleich benutzte man die gleiche Technik aber auch schon beim Dreh (Der erste Film ist das Bibelepos “Das Gewand”), um Filmmaterial, also Kosten zu sparen. Da die meisten Kinos jener Zeit über keine adäquate Projetionstechnik verfügten (70 mm entspricht etwa 8K Auflösung, also selbst heute erreicht die digitale Projektion nicht annähernd die Auflösung von 70 mm Film) war es im Grunde obsolet auf dem teuren und komplizierten 65 mm Material zu drehen. Einzig für VFX (also Visuelle Effekte) machte das Material Sinn (so zum Beispiel in Kubricks 2001- A Space Odyssey, wo das Aufprojektionsverfahren in Kombination mit 65 mm perfektioniert wurde– Dazu später mehr) Deswegen benutzte man das lange bekannte anamorphotische Verfahren seit den Fünfziger Jahren auch beim Dreh. Verschiedene (im Grunde gleiche) Verfahren wurden seitdem patentiert. Seit den Achtziger Jahren ist das “echte” anamorphotische Cinemascope aufgrund einiger Schwächen (die Naheinstellgrenze liegt über einem Meter, die Optiken verzeichnen stark, erzeugen starke Lens Flares, also Abbildungen des Lichts und der Optik, die als Artefakte bezeichnet werden müssen, sowie verzerrte Abbildungen im Bokeh, also dem unscharfen Bildteil, und starkem Pumpen- Ausschnittsveränderungen- beim Ziehen der Schärfe) langsam ausgestorben und wurde aufgrund des immer besser werdenden Filmmaterials durch das 3- Perf- Super 35 mm Verfahren ersetzt. Für VFX setzte man ab den Achtzigern zunehmend auf das (eigentlich als Konkurrenzverfahren zu Cinemascope) in den Fünfzigern entwickelte Vistavision ein, das ein sphärisches Verfahren ist, welches den Film in 8- Perf horizontal belichtet (also die gleiche Fläche wie Kleinbildfilm) und so deutlich mehr Auflösungsreserven für optische Trickverfahren bot.

Erst in den späten 2000ern wurde das originale “Cinemascope” wieder ausgebuddelt und nun als spezieller Look (in Kombination mit digitaler Technik) verkauft. Wobei selbst Analogfan Christopher Nolan seine Batmanfilme lieber in (heute) aufwendigem und teurem Vistavision dreht. Tarantino hat “Danjo Unchained” dagegen in echtem analogem 35 mm Scope gedreht und ich muss sagen: Ich habe keinen Unterschied whatsoever qualitativ zwischen “Django” und “Skyfall” (auf der Arri Alexa digital, sphärisch gedreht und abgekascht auf Scope vom großartigen Roger Deakins) gesehen. Fortsetzung folgt…

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